Es klingelte zweimal

Das Telefon klingelte. Die Nummer kannte er nicht. Er nahm ab und hörte am anderen Ende eine männliche Stimme. Seine Hoffnung, es könnte seine Herrin sein, verflog augenblicklich. Doch dann sagte die Stimme: "Ich rufe im Namen Deiner Herrin an. Du musst heute um 21 Uhr bei der Feuerstelle am Waldrand sein. Du weisst bei welcher." Ehe er nachfragen konnte, hörte er bloss noch den Summton. Aufgelegt. Was blieb ihm anderes übrig, als um 21 Uhr an der Feuerstelle zu sein? Er beeilte sich, da er genau wusste, dass seine Herrin Unpünktlichkeit nicht ausstehen konnte.

 

20.55 Uhr: Er hatte es geschafft, stand bei der Feuerstelle – allein. Allein? Da sah er plötzlich einen weissen Umschlag, mit den Initialen seiner Gebieterin versehen, am Rande der Feuerstelle liegen. Er öffnete den Umschlag. "Gehe bis zur ersten Lichtung in den Wald hinein, da findest Du einen Baum, an dem ein rotes Band befestigt ist. Von dort gehst Du im rechten Winkel zum Weg nochmals fünfzig Meter in den Wald hinein." Er erstarrte. Fantasien gingen ihm durch den Kopf. Ob seine Herrin wohl eine besonders schöne Überraschung für ihn vorbereitet haben mochte?

 

Er hörte Geräusche, menschliche Geräusche. Da erblickte er eine weit ausgebreitete rote Decke. Daneben standen seine Herrin und ein fremder Mann – die Herrin aufreizend gekleidet, der Mann nackt. Als die Herrin ihren Sklaven erblickte, zog sie den Fremden auf die Decke, legte ihn auf den Rücken und begann ihn erst sachte, dann immer bestimmter zu fordern, anzutreiben und schliesslich geradezu zu Höchstleistungen zu zwingen.


Ein Gesichtsausdruck spricht Bände. Der Sklave sah gar zwei Gesichter, an denen er die Lust und den Genuss ablesen konnte. Da glitt die Hand des Sklaven, ohne dass er es bewusst wahrgenommen hätte, in seine Hose, wo sie allerdings auf harten, gepanzerten Widerstand stiess.


Es klingelte – nicht so laut wie das Telefon, aber es tönte in seinem Ohr umso unerbittlicher. Es war der Klang des Vorhängeschlosses seines Keuschheitsgürtels, welches mit dem Metall in Berührung gekommen war. Hätte der Sklave sich jetzt im Spiegel erblicken können, hätte er den feinen Unterschied zwischen lustvollem Genuss und lustvollem Schmerz erkennen können.
Doch dann vergegenwärtigte sich der Sklave seiner Rolle. Er sah, wie es seiner Herrin sichtlich Spass machte, vor seinen Augen sich von einem Mann das zu nehmen, was sie wollte. Dies sollte dem Sklaven genügen. Das Wohl und das Glück seiner Herrin sind schliesslich - zwangsweise - sein Wohl und sein Glück.


So stand er da, schaute zu, musste zuschauen und weiter zuschauen bis die Herrin sich erhob, wobei sie ihrem Sklaven ein triumphierendes Lächeln zuwarf – und ihre Hand hochhielt.
In ihrer Hand wurden die ersten Sonnenstrahlen reflektiert. Der Sklave erkannte sogleich, dass es ein Schlüssel war, der dafür verantwortlich war. Unschwer zu erraten, dass dieser Schlüssel zum Vorhängeschloss gepasst hätte, Ja, der Schlüssel hätte gepasst, doch die Herrin bewegte sich auf ihren Sklaven zu, um ihm wortlos sein Halsband anzulegen und ihn an der Leine zum in der Nähe geparkten Auto zu führen. Den anderen Mann liess sie zurück, er hatte seine Aufgabe erfüllt. Als ihr Sklave dies realisierte, kam in ihm ein Gefühl des Stolzes auf. Er war sich nun sicher, dass ihn seine Herrin nicht abzuschieben gedachte.

 

Vor dem Auto kniete der Sklave nieder und küsste die Stiefelspitzen der Herrin. In diesem Augenblick wurde dem Sklaven bewusst, dass er in Zukunft einfach die Befehle seiner Gebieterin befolgen sollte, ohne gross nachzudenken oder sich gar in Fantasien hineinzusteigern.